• theaterblogs.de
  • suche in allen blogs
  • nächstes blog
  • Home
  • Eine Seite

Chasing Visions

The future is a crazy place. See you there! - Colleen Yorke
  • Home
  • Eine Seite
  • Mit mir selbst so fremd wie möglich

    Keine Kommentare »
    22. Juni 2009 /  Allgemein

    Deutschland aus Amerika: Spurensuche mit Heiner Müller

    Offene Augen, viel Neugierde, das sind Kategorien, die uns helfen Wahrheiten näher zu kommen, die aus unzähligen, in sich brüchigen Perspektiven bestehen- zur deutschen Geschichte und deutschen Gegenwart.
    Der Versuch, Zeiten zu verstehen, die uns fremd sind, eine Reise in die Vergangenheit anzutreten und neue Dimensionen zu erschließen, bleibt immer schwierig. Wir brauchen Geschichte um Distanz zur Gegenwart zu bekommen. Man muss, um mit Ivan Illich zu sprechen, die Gegenwart als Zukunft der Vergangenheit betrachten.  Zeitzeugen lügen immer. Gleichwohl fesseln uns Zeitzeugen mit ihrer Sicht der Ereignisse, der Widerspieglung eines Lebensgefühls. Mittlerweile wird es immer schwieriger, in Gesichtern von Augen- und Zeitzeugen deutsche Nachkriegsgeschichte oder vierzig Jahre DDR Herrschaft wiederzuentdecken.

    Heiner Müller war einer ihrer kritischsten und eloquentesten Repräsentanten.  Er war verwurzelt in der Idee, die dem Staat zugrunde lag, aber nicht in der Realität des DDR Sozialismus.  Er erlebte den Untergang von zwei deutschen Staaten; sein von Unvereinbarkeiten gezeichnetes Leben und Schreiben ist geprägt von den geschichtlichen Ereignissen des 20. Jahrhunderts, von verdrängten und verlorenen Aspekten deutscher Geschichte.  Er wurde zum Symbol des DDR eigenen Widerspruchgeistes.  Bis zum Ende seines Lebens war er überzeugt, dass es nirgendwo sonst möglich gewesen wäre, seine Texte zu produzieren.   Als Reisender und Fremder, als Pendler zwischen zwei Welten - zu keiner wirklich dazugehörend - und wie er selbst sagte „mit sich selbst so fremd wie möglich“, hatte er in den 70er Jahren noch Hoffnung auf eine bessere sozialistische Welt.  Brechts Aufforderung: „Ändere die Welt, sie braucht es“, hätte er wahrscheinlich zugestimmt.  Seine resignierte Antwort - “Der Mensch ist nicht zu ändern, also lass es“ – entspricht seiner Haltung in den späteren Jahren.   

    1975 verbrachte Heiner Müller einige Monate in Texas, wo er im konservativen kleinen Austin, an der Universität unterrichtete. Hier fand auch die Aufführung seines Stückes –Mauser - statt.  Für die USA war dies die Zeit unmittelbar nach Ende des Vietnam Krieges.  Der Bezugsrahmen zwischen diesen vom Krieg verschreckten, mit US Propaganda gegen Kommunismus, und DDR groß gewordenen jungen Leuten und dem Dichter könnte nicht größer sein.  Die unterschiedliche Generationszugehörigkeit ist sicher das geringste Problem. Welche Kommunikation war unter diesen Bedingungen möglich? Gab es Chancen des sich Verstehens? Verstehen wir Heiner Müllers Erklärungen heute?

    Wenn da jemand sagt, Freiheit ist Bewegung, dann dokumentiert sich eine wirklich amerikanische Sicht, geprägt durch das Leben in einer Gesellschaft, die von Anfang bis heute Einwanderungsland war und blieb; die, die schrittweise Eroberung des Kontinents hinter sich hatte. Wir sprechen von Grenzerfahrungen des Individuums, das prägt dieses Land. Wenn wir vom Pioniergeist des Amerikaners sprechen, dann ist darin Vertrauen auf sich selbst, auf die Auserwähltheit von god’s own country mitgedacht. Dies ist ein durch und durch individueller Ansatz - die Suche nach neuer kultureller Identität, das Idealisieren von Werten und Normen dieser „Freiheit in Bewegung“ – selbst wenn die Einwanderung ökonomische Gründe hat.

    Kritisches Auseinandersetzen, Infragestellen ist schwer. Es erfolgt 1975 gerade erst - ausgelöst durch die Erfahrung Vietnams. Vertrauen auf  positives Wirken, soziale Absicherung durch den Staat – das fehlt ganz einfach in dieser Lebenserfahrung – und zwar von Generation zu Generation immer wieder. Demgegenüber steht das Einlösen alter Staatsverpflichtungen zur Sozialabsicherung – durch 2 Weltkriege, durch die Auflösung zweier Staatswesen. Jede deutsche Familie hat Beispiele dafür, dass die „Renten gesichert bleiben.“

    Ich habe mich gefragt, was bewegt noch fundamental deutsches und europäisches Erleben gegenüber Amerikanischem. André Malrauxs Ansatz “Jahrhundert um Jahrhundert hat sich in dieser Region, die Europa heißt, der Mensch wieder aufgerichtet und seinen Weg in die Nacht aufgenommen”, d.h die Suche nach dem humanistischen Erbe auf dem Boden der Zerstörung aller Utopien und Herrschaftsmodelle der Vor- und Kriegszeit. US Amerikaner fehlt hierfür jeder Ansatz, um dies nachvollziehbar zu machen. Plakativ ausgedrückt: Amerikaner gehen nicht in die Nacht- jedenfalls nicht 1975!  Seit November 2008 haben die Vereinigten Staaten einen Präsidenten und Führer der westlichen Welt, dessen Bezugsrahmen fast exemplarisch alle traditionellen Werte und Normen der USA repräsentiert: Kraft, Jugend, Neubeginn, Bewegung, eine „alles ist möglich“ Haltung und Erfahrung.

    Eigenverantwortung, individuelle Entscheidungsfreiheit als Basis des American way of life – dies hat auch im künstlerisch kulturellen Bereich massive Auswirkungen. Wenn wir die Ostküste weglassen und einige renommierte große Theater in allen Teilen der Staaten, so ist Theaterarbeit 1975 wie heute letztendlich geprägt von kleinen 99 seat theaters (bei 100 oder mehr Plätzen, wie Sie vielleicht wissen, kommen Steuern und Royalties dazu). Es gibt oft keine festen Ensemble und auch keine Theaterhäuser.  Amerikanisches Theater wird zum großem Teil in Räumlichkeiten, die nicht mehr als eine black box sind, aufgeführt. Das heißt, ein Raum, der zu einem Theater/ einer Bühne umgestaltet werden kann. Es gibt kaum Abonnenten Publikum und vor allem sind Programmhefte, die hier bei uns geradezu „kleine Kunstwerke“ sind und mich immer auf Neuste begeistern, in den Vereinigten Staaten in erster Linie Promotion für Cast und Sponsoren. Lebensläufe und aufwendige Werbungen zieren die paar Seiten solcher Pamplets. Amerikanisches Theater strebt nach Harmonie, einem "escape" aus dem Alltag. Die Zustimmung des Publikums ist von ganz anderem Stellenwert, die gekaufte Eintrittkarte ist oft ein Stimmzettel, die kleinen Theater (über)leben durch die (Zu)stimmung ihre Besucher.  Man wird sich viel eher überlegen, ob man eine Kontroverse auszulösen will und kann.

    Eine Inszenierung wie Michael Thalheimers „Kabale und Liebe“, in der Teile des Publikum Neues entdeckt hat, andere Teile „buh“ gerufen hat…ist in den USA so nicht umsetzbar. Anders als das deutsche Theater, wird das amerikanische Theater in der Regel privat finanziert.

    Als Amerikanerin und Deutsche bin ich künstlerisch geprägt worden von zwei Welten, zwei Sprachen, zwei Kulturen und einer Ausbildung in der nach Harmonie strebenden Traumfabrik Hollywoods. Mit der Erstellung eines Dokumentarfilms "Difficult Dance" habe ich vor fünf Jahren selbst eine Annäherung an deutsche Geschichte und Vergangenheit versucht.  Ausgehend von einer Statistik des Simon Wiesenthal Zentrums in Los Angeles, die besagte, dass damals mehr Juden nach Deutschland emigrierten als in irgendein anderes Land auf der Welt – wollte ich herausfinden, warum man als Jude freiwillig in Deutschland lebt. Erst im Laufe meiner Arbeit und durch meine Interviewpartner, die sich vor allem als deutsche Staatsbürger sahen, lernte ich zu verstehen, wie kompliziert es ist, die richtigen Fragen zu finden. Aus heutiger Sicht denke ich, dass Sie aus meinem Film nichts Neues lernen können.

    Man wirft uns jungen Künstlern vor, dass wir schlecht recherchieren, zu wenig verstehen, lediglich unser Lebensgefühl ausdrücken und Klischees vermitteln.  Ich muss dem widersprechen.  Die Intention zeitgenössischen Theaters kann nicht darin liegen die Vergangenheit zu erklären und Antworten für die Gegenwart zu geben. Wahrscheinlich ist die Hoffnung Brücken schlagen zu können viel zu hoch gegriffen. Wir begeben uns wirklich zunächst auf Spurensuche.  Ich selbst identifiziere mich oft mit dem kleinen Esel aus Ton auf Brechts Fenstersims im Arbeitszimmer der Chausseestrasse, ihm hatte der Dichter ein Schild um den Hals gehängt, worauf stand: Ich muss es auch verstehen.

    Heiner Müller sah sich als Anstifter von Prozessen, nicht als ihr Produzent. Wenn es uns jungen Künstlern gelingt, die Schwierigkeiten zur Annäherung an die Komplexität der Fragen zu dokumentieren, Probleme zu verdeutlichen anstatt Lösungen zu zeigen, so haben wir eins verstanden: Theater, as life, is a neverending progress….

     

  • LA Story

    1 Kommentar »
    21. Mai 2009 /  Allgemein

    Diese Geschichte ist nicht wirklich die meine zu erzählen. Es ist eine Geschichte über eine Stadt und ein Land, das ich liebe und hasse. Eine Stadt mit zu vielen Autobahnen und Autos, überteuren Häusern, Jalousien und geschlossenen Türen, Grundstücken bepflanzt mit Kunstrasen und Paradiesvögeln, und niemandem zuhause. Eine Stadt gepackt mit Engeln und unsichtbaren Freunden. Von den unglücklichen Campern, die in Zelten in der Nähe Ontario (Tent-City) leben, ganz zu schweigen….  Es ist eine Geschichte über eine Stadt und ein Land, geprägt und geteilt von Wohlstand und Nationalitäten, Religionen und Politik. 

     Wie kann man das Amerikabild von heute zeichnen?

    Ich bin vor drei Jahren aus Amerika nach Deutschland zurückgekehrt.  Ich wollte zurück zum deutschen Theater, und ich wollte schreiben.  In Amerika, gerade in Los Angeles, die Stadt, die mir in den letzten Jahrzehnten zu einer Heimat wurde, gibt es nämlich nur äußerst selten den Straßenrand von dem Roland Schimmelpfennig sprach.  Und doch ertappe ich mich manchmal dabei, wie ich mich nach Amerika zurücksehne.  Nach dem Meer und dem Dauergast, der Sonne. Nach der amerikanischen Freundlichkeit. Nach der Kassierin, die sich entschuldigt, wenn man ein Preisschild falsch interpretiert hat – das hing doch direkt unter der Ware! - und jetzt wo man das Nestle Müsli doch nicht will, lächelt und charmant die Ware wieder runter nimmt. Nach den Autofahrern, die respektvoll anhalten und einem mit blitzenden Lichtern die Vorfahrt lassen.  Nach den Menschen, die angeeilt kommen und fragen, ob sie dir behilflich sein können, wenn man mal wieder viel zu viel zu tragen hatte und alles jetzt auf dem Bürgersteig und in tausenden verschiedenen Richtungen rollt.

    Das Leben spiegelt sich, silhouettiert sich oder zeichnet sich ab auf Plastik, Glas und Metall: die Menschen fahren mit dem Auto zum gläsernen  Büro und sitzen dann in der Regel vor ihrem flimmernden Bildschirm. Die amerikanische Schönheit liegt in der Selbstverwirklichung des Individuums, in dem daraus resultierenden Glück und in der Freiheit.
    Beliebt ist vor allem „Let’s do Lunch“.  Ich treffe mich mit einem Freund zum Mittagessen und ich fühle mich beobachtet.  Mein Freund, ein bekanntes Gesicht in mehreren Fernsehshows, wird erkannt trotz seines unrasierten, zerzausten Aussehens.  Während wir beim Mittagessen sitzen, ruft sein Manager an. Es geht um eine Filmrolle.  Mein Freund sagt: „Ich kann nicht. Ich bin momentan anderswo beschäftigt. (Pause) Nein, ich bin nicht übergeschnappt.“ Fünfzehn Minuten später ruft sein Manager wieder an und beendet unser Mittagessen.  Hollywood kauft Seelen ein, jeden Tag drückt die Stadt ihren stickigen Daumen auf frische, schöne und neue Gesichter.

    Wie kann ich eine Geschichte erzählen, die dieser raren, mysteriösen und eindeutigen Stadt gerecht wird? Die Stadt der Träume und der Alpträume? Die Stadt des Ruhmes und Geldes und gebrochenen Herzen und Seelen?

    Letztendlich, ist die Geschichte nicht die meine zu erzählen.

Mein Profil

Colleen Yorke

Meine Ausbildung

  • 2001-2005 universität von kalifornien in los angeles (ucla)
  • 2006-2009 freie universität berlin (fu)

Meine Theaterarbeit

  • 2006-2007 deutsches theater berlin
  • 1999-2000 klrn 64 public access tv
  • 2001-2001 "bye bye birdie" stepping stone players
  • 2002-2002 "a loss of roses" lillian theater hollywood
  • 2003-2003 "wizard of oz" university of california los angeles
  • 2008 "spurensuche heiner müller" deutschlandsaga schaubühne berlin
  • 2009 "emilia galott" severins-burg-theater köln

Impressum | theaterblogs.de ist für die Inhalte dieses Blogs nicht verantwortlich. Siehe AGB.
theaterblogs.de ist eine Tochter von theaterjobs.de, dem Theater-Stellenmarkt im Internet.